Freitag, 18.10.2019 03:14 Uhr

IFA 2019 in Berlin - IFA+Summit

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 17.09.2019, 21:04 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 4645x gelesen
Ob das Galgenhumor ist? Im ‚Leben des Brian‘ hängt der Propagandist dieses Spruches hingerichtet am Kreuz.
Ob das Galgenhumor ist? Im ‚Leben des Brian‘ hängt der Propagandist dieses Spruches hingerichtet am Kreuz.  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Der IFA+Summit, der Zukunftsgipfel der IFA, hat mittlerweile – zu seinem Vorteil - viel deutsche Nachdenklichkeit angenommen, obwohl die Vorträge weiterhin auf Englisch stattfinden. Kalifornischer Fortschrittsoptimismus wird mit gesunder Skepsis ausbalanciert.

Daß im Konferenzabschnitt ‚Society‘ nach einem neuen Gesellschaftsvertrag für das Digitalzeitalter gefragt und gerufen wird, zeigt bereits die philosophische Dimension – und den sozialpolitischen Sprengstoff der Digitalisierung. Robert Sparrow, Philosophieprofessor in Melbourne, machte auf die mit der Digitalisierung anscheinend unvermeidlich einhergehende Dequalifikation des Menschen aufmerksam und stand insofern ungefähr auf der gleichen Position wie hierzulande Manfred Spitzer (oder früher schon Neil Postman, „Wir amüsieren uns zu Tode“). Daß etwa Orientierungsfähigkeiten im Raum und das Lesen von Kartografiedaten nachlassen, wenn man sich auf Navigationssysteme verläßt, leuchtet auch unmittelbar ein.

Sparrow befürchtet aber darüber hinaus, daß auch native menschliche Fähigkeiten zu moralischen Entscheidungen und die Ausbildung von Tugenden zur Führung des eigenen Lebens verkümmern könnten. Eine solche Haltung karikierte er mit der Überschrift seines Vortrages „Okay, Google: Lead My Life!“ Daß eine von Aristoteles abgeleitete Tugendethik, wie Sparrow sie für sinnvoll hält, mit KI-Entscheidungsstrukturen nicht unmittelbar kompatibel sein wird, dürfte freilich klar sein. Es kann aber offensichtlich nicht darum gehen, traditionelle Handlungskonventionen und Wissensbestände bloß verteidigen zu wollen. Damit wird die Herausforderung durch die Technik nicht angenommen.

Diese besteht u.a. darin, daß autonom agierende Systeme Verhaltensprogramme oder –algorithmen im Vorhinein und explizit implementiert bekommen müssen, während menschliches Handeln immer auch im Affekt möglich ist und dann post festum, ggf. strafrechtlich, beurteilt wird. Einem Autonomen Fahrzeug oder einer militärischen Drohne mit Tötungsberechtigung wird man nicht mit einem aristotelischen Tugendsystem beikommen. Wenn digitale Entscheidungen wie vom realen Leben abgeschnitten wahrgenommen werden, spricht das nicht gegen sie, sondern muß dazu führen, das reale Leben um den digitalen Handlungsraum zu erweitern und dort auch ethische Kriterien und Vollzüge einzurichten.

Wie man KI tatsächlich mit ethischen Fragen steuern kann, schilderte Cansu Canca, die ein veritables KI-Ethiklabor gegründet hat und in Boston betreibt. Sie ließ aber keinen Zweifel, wie fern das Ziel ist: „Ethische KI – Jeder braucht sie, niemand hat sie“. An diesem Problem forscht auch Wong Pak-Hang an der Universität Hamburg und unterschied in seinem Referat über Verantwortlichkeit in datengetriebenen Technologien klar zwischen rückwärtsgewandter und vorwärtsgerichteter Verantwortlichkeit.

Für erstere wird (beim Menschen) das Kriterium der Schuldhaftigkeit relevant, während letztere (wiederum beim Menschen) durch (Selbst-)Verpflichtung und Tugend bewältigt werden kann. Wenn KI schädliche Entscheidungen trifft, könne dies auf schlechte/verdorbene Daten oder fehlerhafte Algorithmen zurückgehen, so Pak-Hang. Man könne beim KI-Design gewissermaßen von einer Verantwortung zweiter Ordnung sprechen.

Etwas konkreter ökonomisch beleuchtete Lina Dencik von der Cardiff University in England die Fragestellung und befürchtete einen weiteren Abbau sozialer Gerechtigkeit durch die ökonomisch forcierte Digitalisierung. Der Überwachungskapitalismus unterminiere demokratische Strukturen. Daher sei es wünschenswert, Technik und Datenbesitz zu dezentralisieren. Im gleichen Sinne äußerte sich Ann Cavoukian von Global Privacy & Security by Design aus Toronto, die dem heute gängigen Privacy by desaster gerne jene informationelle Selbstbestimmung entgegen setzen möchte, für deren einstige Formulierung sie dem deutschen Bundesverfassungsgericht dankbar ist.

Auch in der Diskussion verständigte man sich mühelos auf eine europäische Perspektive gegenüber der Digitalisierung, wünschte sich also eine Balance von Selbstregulierung und externer Regulierung. Nicht der Markt bringe die Regeln hervor, sondern die Regulierung mache erst den Markt, und die Gestaltung der Zukunft sei keine technische Frage. Der Bürger dürfe nicht zum Konsumenten reduziert werden.

Interaktion

Der Konferenzabschnitt ‚Interaktion‘ beleuchtete einzelne technische Fragen, etwa die Blockchain-Revolution und – damit zusammenhängend – die Möglichkeiten von Smart Contracts. In diesem Zusammenhang wurde auch ein neues Schlagwort propagiert, Shermin Voshmgir vom BlockchainHub in Wien und Philipp Sandner von der School of Finance & Management in Frankfurt sprachen von einer Token-Ökonomie. Dies trägt möglicherweise zur Versachlichung der Diskussion bei, in der die traditionellen Banker oft etwas allergisch auf den Begriff der Kryptowährung reagieren, weil sie damit ihre eigene Domäne angegriffen fühlen.

Ein sehr sympathisches, gewissermaßen ökologisches Intermezzo ermöglichte die Konferenzplanung der Neugründung SHIFT aus Falkenberg, für die Geschäftsführer Carsten Waldeck das selbst entwickelte faire Smartphone Shift6m vorstellen konnte. Dafür hat die Firma im Vorjahr den Bundespreis ecodesign Produkt erhalten. Besondere Genialität war dabei nicht von Nöten, denn die Prinzipien sind ja allgemein bekannt, und man brauchte nur das Gegenteil dessen zu machen, was die großen Smartphone-Hersteller üblicherweise tun. Also ist das Shift6m modular aufgebaut, leicht zerlegbar und aufrüstbar – sogar der Schraubenzieher wird mitgeliefert –, und der Akku ist natürlich wechselbar.

Ein wenig deutsche Weltanschauung ist freilich auch dabei, denn Waldeck will ausdrücklich weg von der Gewinnmaximierung zu einer Sinnmaximierung und zur Wertschätzung eines nachhaltigen Produkts. Sein Programm ist Fair-Änderung. In seinem als Widerspruch gemeinten Kommentar zur Blockchain-Technik sprach er allerdings ungewollt die der Digitaltechnik inhärente Ambivalenz an. Die Dezentralisierung der Blockchain, d.h. die verteilte Datenhaltung, führe zu einem hohen Stromverbrauch; mithin werde hier Vertrauen durch Energie(verbrauch) erkauft. Dies kann man tatsächlich als Nachteil deklarieren. Man kann das Verfahren jedoch auch ganz anders analysieren.

Erstmals wird hier Vertrauen nicht mehr durch hoheitliche, durchaus korrumpierbare Institutionen hergestellt, sondern durch einen digitalen Prozeß, der per se neutral und unkorrumpierbar ist. Daß er im Falle des Bitcoins energieaufwendig ist, liegt an der fehlenden Energiesensibilität in allen anderen Weltregionen außer Deutschland und wäre durch eine andere Verfahrensarchitektur kompensierbar. Daß Digitalisierung wesentliche anthropologische Faktoren und politisch-soziale Funktionen zu adaptieren und umzuwandeln vermag, ist unbedingt als Fortschritt zu begreifen, auch wenn wir die dadurch ausgelöste Veränderung noch nicht in allen Bereichen abschätzen können oder bewältigt haben.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.