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Die Tragödie der Mode

Verantwortlicher Autor: pfaffen Zürich, 17.09.2019, 13:24 Uhr
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Zürich [ENA] Es gibt Dinge, die nicht normal altern. Es gibt Objekte, die sehen so außerordentlich kitschig aus, wenn sie obsolet werden, als ob sie immer schrecklich oder hässlich gewesen wären, aber es niemand wirklich merkte. Deshalb lösen diese Objekte einen Schock aus. Sie rufen eine heftige Reaktion hervor, die von einem bekannten Empfinden herkommt, nämlich dem Gefühl des Altmodischen.

Es gibt Dinge, die nicht normal altern. Es gibt Objekte, die sehen so außerordentlich kitschig aus, wenn sie obsolet werden, als ob sie immer schrecklich oder hässlich gewesen wären, aber es niemand wirklich merkte. Deshalb lösen diese Objekte einen Schock aus. Sie rufen eine heftige Reaktion hervor, die von einem bekannten Empfinden herkommt, nämlich dem Gefühl des Altmodischen. Die Beobachtung, dass diese Dinge nicht nur alt, sondern auch altmodisch oder kitschig sind, zeigt jedoch, dass wir auf der phänomenologischen Ebene unterschiedliche Alterungsprozesse erleben, erklärt aber nicht, warum. Warum altern modische Dinge nicht wie alle anderen Dinge? Warum löst das altmodische Ding so starke Reaktionen aus?

Wenn man von ästhetischem Urteil spricht, ist es offensichtlich, dass jedes Geschmacksurteil kollektive Kriterien und Präferenzen impliziert, die in breiteren sozialen Praktiken verankert sind. Emmanuel Kant bewies bereits, dass der Einsiedler seine Sachen nicht verschönern konnte - geschweige denn sich selbst. Außerhalb eines sozialen Umfelds ist kein ästhetisches Gespür möglich. Die Reaktion gegenüber dem Altmodischen ist Ausdruck eines geteilten Geschmackssinns; ein Gefühl, die in jedem Menschen wächst, auf Grund der sozialen Kräfte die das Objekt umgeben. Es handelt sich dabei aber nicht einfach um die Ästhetik des Hässlichen, sondern um die ästhetische Beurteilung außergewöhnlicher Hässlichkeit.

Wir haben es mit etwas zu tun, das schön war, das begehrt war, dass es aber nicht mehr ist, ohne dass sich das Objekt jedoch verändert hat. Haben Sie sich nie die Frage gestellt, warum stumme Dinge, die nicht sichtbar und vergessen in Schubladen liegen oder in Schränke hängen, die weder von Abnützung noch von Motten befallen wurden, grundlegende Veränderungen erfuhren? Diese Kleidungsstücke haben durch eine mysteriöse Dynamik verändert.

Nach zwei oder drei Jahren brauchen Sie Platz im Schrank und Sie entdeckten sie wieder. Bei der Anprobe, mussten Sie feststellen, dass sie nun zu kurz oder zu lang, oder ohne dass sie schrumpften zu eng waren (ohne dass Sie zugenommen haben). Nicht die Kleider haben sich verändert. Sie waren es. Sie haben sich verändert. Die Veränderung liegt an unserer eigenen Sicht.

Die ewige Rückkehr des Selben - Die Mode zeichnet sich durch ihre Vergänglichkeit aus. In diesem Sinne ist es ein modernes Phänomen. Dass aber die Dinge als unvermeidlich empfunden werden, dass das gleiche Phänomen immer wieder auftritt, dass alles auf mysteriöse Weise abläuft, ohne dass es wirklich die Möglichkeit eines Eingreifens gibt - genau wie die Religiosität, die uns umgibt- all das ist in der Tat das Zeichen einer Art Akzeptanz des Todes und zeigt uns, dass die Mode trotz ihrer Modernität offenbar archaische soziale Kräfte verbirgt.

Denken wir mal an die Trendscouts, die mehr oder weniger glaubwürdig sind, an die Journalisten, Kritiker oder Kenner großer Modezeitschriften, die wie Propheten der Mode fungieren. Die Analogie zwischen Mode und Religion ist offensichtlich. Modische Objekte, wie die Objekte des pantheistischen Wilden, verdanken ihr Leben und ihre Klarheit den unbewusst auf sie projizierten sozialen Kräften. In den Veränderungen in der Mode, wie in der Welt der "primitiven" Religion, verschmelzen Natur und Kultur.

Die Mode verbirgt also die imitierende, kulturelle und rituelle Seite im Schatten des modischen Objekts. Die Mode versteckt sich bis sie vergangen ist und wir entdecken, dass sie sich in unseren Augen befindet und nicht im Objekt. Mode ist kurzlebig, aber wir empfinden sie als ob sie immer andauern wird. Warum betrachten wir das Vergängliche als so wichtig und widmen uns derart der Mode, obwohl sie bestimmt ist, zu vergehen?

Wir müssen zwischen dem Erleben des Objekts und dem Denken unterscheiden. Wenn wir in den Modezeitschriften nach den Kleider Ausschau haben, die (in der kommenden Saison) modisch sein werden, schaudert es uns weil wir wissen, dass wir sie modisch finden werden, obwohl wir sie im Moment lächerlich oder lustig finden. Der Geschmack wird sich ändern und wir können nichts dagegen tun. Man kann sich auch ein Objekt wünschen, wissend, dass es ausschließlich der Mode zuzuschreiben ist. Die Vernunft kann die dunklen Mächte die über unseren Geschmack herrschen nicht vertreiben.

Wir wissen, dass es parallel zur rationalen Ordnung, eine Ordnung der Emotionen und der verkörperten Freuden gibt. Auf dieser Ebene ist die Vernunft machtlos und wir werden dem Hedonismus der Gegenwart nicht entfliehen können. Die Mode hat ihre eigene Liebe zum Schicksal. Sie vereint das Unerwartete und Unvorhersehbare mit der Ewigkeit. Die Verstärkung des gegenwärtigen Momentes in der Mode, ihr euphorisches und zeitloses "Jetzt", besteht nur im Bewusstsein, dass die Zeit vergeht. Ohne Tod ist das Leben wertlos.

Die Situation der zeitgenössischen Mode ist komplizierter geworden. In gewissem Sinne verkörpert die Mode des Altmodischen und des Postmodernen die Tragödie der Mode. Die Mode führt uns vor, dass man nicht Herr über sich selbst ist. Die Mode führt uns zur Tragödie der postmodernen Gesellschaft. Es ist wichtig, die ironische Dimension des Tragischen zu betonen. Dem Bewusstsein der Mode zu gehorchen, kann nicht vom Bewusstsein des persönlichen Unvermögens getrennt werden. Nicht die Vernunft kontrolliert den Geschmack oder das Verlangen, aber die unvorhersehbare Veränderungen im Geschmack wiederspiegeln das Versagen der Vernunft.

Die Mode des Altmodischen ist offensichtlich nur eine Mode wie alle anderen. Der Gegenstand, auf dem die Faszination gerichtet wird, kann gesättigt sein oder seine Magnetisierungskraft verlieren; auch er wird deshalb fallen gelassen. Andererseits haben die Begriffe Faszination, Verehrung oder Magnetisierung eine doppelte Bedeutung: das Objekt ist ein bereits aufgegebenes Objekt, bereits gesättigt, klischeehaft, anorganisch - und doch wieder modisch. Es wird (wieder) aufgegeben, wenn es aus der Mode kommt. Wie lässt sich diese Ambivalenz der Mode des Altmodischen beschreiben?

Die Konfrontation mit dem Altmodischen löst ein besonderes Gefühl aus: wir unterziehen uns einer sozialen und zeitlichen Dynamik, die es versteht, Dinge selbst umzuwandeln. Doch diese Umwandlung sehen wir erst, wenn sich die Mode verändert hat und wir uns fallengelassenen Objekten zuwenden. Die Mode des Augenblicks sehen wir nicht, weil wir drin sind. Nur was passieren wird oder was gerade passiert ist, wird die Distanz schaffen, die das Bewusstsein benötigt, um es zu beschreiben. In dieser Lücke zwischen Erlebnis und Gedanken breitet sich die Mode aus. Wir fühlen uns sicher - genau dort, wo wir es nicht sind.

Das altmodische Objekt radikalisiert diesen Gegensatz. In der Mode des Altmodischen sehen wir die Mode von damals. Somit bleibt die soziale Dynamik, die wir in dem altmodischen Objekt sehen, eine Dynamik, die wir in der Vergangenheit über sich selbst ergehen lassen mussten und die nicht mit der Mode verwechselt werden sollte, der wir im jetzigen Moment ausgesetzt sind. Im Altmodischen ahnt man die Macht der Mode, nicht die Mode selbst. Die Mode ist immer die Liebe auf den letzten Blick.

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